Wer ist schuld?

164 Menschen sterben, weil ein Pilot ein Flugzeug abgeschossen hat. Wer ist schuld?

164 Menschen sterben, weil ein Pilot das Flugzeug abgeschossen hat, weil ein Terrorist es entführt hat. Wer ist schuld?

164 Menschen sterben, weil ein Pilot das Flugzeug abgeschossen hat, weil ein Terrorist es entführt hat und dieses Flugzeug andernfalls in einem Stadion mit 70.000 Menschen abgestürzt wäre. Wer ist schuld?

Der Kampfjetpilot, der das Flugzeug abgeschossen hat, steht vor Gericht. Das Gericht steht vor der Frage, ob dieser Pilot ein Mörder oder ein Held ist. Ob er freigesprochen oder verurteilt werden muss 1.

Die Grenzen der Gesetze

2006 wurde § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes vom Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärt. Damit wurde erklärt, dass durch unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ein Luftfahrzeug abzuschießen, das gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, nicht vereinbar mit der Menschenwürde, sowie dem Recht auf Leben sei, also den ersten beiden und wohl wichtigsten Artikeln unseres Grundgesetzes 2.

Diese Argumentation ist unzulässig, da die Unantastbarkeit der Menschenwürde keine Entscheidungshilfe bei der Frage leistet, wie man in dieser Situation handelt, wenn man vor der Entscheidung steht, 164 Menschen zu töten und 70.000 Menschen zu retten, oder es nicht zu tun und damit den Tod von sowohl den 164 Flugzeuginsassen, als auch den von 70.000 Stadionbesuchern nicht versucht zu haben, zu verhindern.

Was also tun?

Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit oder Was wäre wenn?

Was wäre, wenn der Pilot der Zivilmaschine es irgendwie geschafft hätte, im letzten Moment das Ruder hochzureißen und somit den drohenden Absturz in das Stadion abzuwenden?

Was wäre, wenn die Insassen es geschafft hätten, den Terroristen zu überwältigen?

Was wäre, wenn Du der Kampfjetpilot gewesen wärst?

Was wäre, wenn Deine Frau und Kinder an Bord des Flugzeugs gewesen wären?

Was wäre, wenn der Kampfjetpilot psychopathisch veranlagt wäre, und es ihm gefallen hätte, 164 Menschen zu töten, er dadurch aber trotzdem 70.000 gerettet hätte?

Die Frage nach dem Verhältnis

Verhältnis meint die Frage der Staatsanwältin, wann es legitim sei, einen oder mehrere Menschen zu töten, um eine größere Anzahl von Menschen zu retten. Plastisch ausgedrückt: Ab wann ist es in Ordnung, einen Menschen zu töten? Wenn man damit zwei rettet? Oder zehn?  Oder zehntausend?

Ab welcher Zahl gilt der Grundsatz der Unabwägbarkeit eines Lebens gegen das andere nicht mehr?

 Die unbequeme Wahrheit oder das kleinere Übel

Vorab: Ja, der Ausdruck des kleineren Übels kommt zynisch daher. Warum? Weil der Tod von 164 Menschen niemals mit einem Diminutiv beschrieben werden kann. Das steht hier jedoch nicht zur Debatte. Ja, ein Pilot kann gleichzeitig 164 Menschen töten und ihnen dennoch nicht ihre Menschenwürde absprechen.

Ja, auch wenn wir uns als Gesellschaft an unsere eigenen Gesetze halten müssen, so müssen wir genauso anerkennen, dass Gesetze nicht jeden Einzelfall abdecken. Und das ist auch gut so. Wir brauchen Emotionen, Instinkt und die Fähigkeit, in bestimmten Situationen eben nicht nach Regeln welcher Art auch immer zu handeln. Ebenso brauchen wir Menschen in unserer Gesellschaft, die fähig sind, emotional und nicht moralisch zu handeln, wenn sich das gegenseitig ausschließt. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass alle Menschen jederzeit rein aufgrund ihres emotionalen Ermessens entscheiden dürfen, und schon gar nicht über Menschenleben.

Aber, auch wenn es uns nicht schmeckt, gibt es Situationen, in denen genau das getan werden muss. Das ist jedoch keinesfalls ein Widerspruch dazu, dass man die Würde des Menschen als unantastbar begreift. Es geht hier schlichtweg nicht darum.

All diese Fragen, die versuchen, aus dieser einzelnen Entscheidung eine allgemeingültige Regel abzuleiten, sind schlichtweg unzulässig. Weil der Pilot 164 Menschen getötet hat (um 70.000 zu retten!), heißt das nicht automatisch, dass er weiß, wie er sich in all den anderen Dilemmata verhalten würde. Und schon gar nicht, dass er immer die „moralisch fragwürdigere“ Variante wählen würde. Denn hier werden zwei Tatsachen verkannt. Erstens handelt sich hier um einen Einzelfall, eine Ausnahmesituation. Dem Piloten ist bewusst, dass er die Stadionbesucher nur retten kann, wenn er andere Menschen tötet. Zweitens heißt das nicht, dass er für alle anderen Dilemmata auf dieser Welt verantwortlich gemacht werden kann, da er durch sein Handeln bestimmt hat, dass es genauso in Ordnung wäre

  • dem nichtbehinderten Kind die eine Niere zu überlassen
  • lieber den Alten, als das kleine Kind zu töten
  • generell zu behaupten, mehr Leben seien mehr wert als ein einzelnes

Deswegen würde auch ein Freispruch des Piloten nicht bedeuten, dass ab jetzt all diese Dilemmata leichtfertig und eindeutig aufzulösen sind. Es würde nicht einmal bedeuten, dass ab jetzt jeder Kampfpilot in einer ähnlichen Situation genauso handeln dürfte.

164 Menschen sterben, weil ein Pilot ein Flugzeug abgeschossen hat. Wer ist schuld?

Der Terrorist.

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Ein Gedanke zu “Wer ist schuld?

  1. Spannend! Ich finde es absolut überzeugend, daran zu erinnern, worum es bei der Behandlung einer solch spezifischen Frage im rechtlichen Raum geht – um die Auseinandersetzung mit einem Einzelfall, der als solcher zu bewerten ist und keinen Präzedenzfall darstellt. Jeder Fall solcher Dimensionen muss neu bewertet und betrachtet werden. Das Problem ist dabei nur eines: Auch der Rechtsstaat bewertet und betrachtet jeden Fall unter bestimmen Vorraussetzungen, d.h. unter bestimmten Normen- und Wertsystemen, die wir oft gar nicht also solche bewusst erkennen, weil sie in unserer Gesellschaft prävalent sind, die aber dennoch – gerade im Grundgesetz – stark normativ verankert sind. Diese Voraussetzungen beruhen ihrerseits auf moralischen Überzeugungen und ethischen Überlegungen. Und diese sind genuin verallgemeinernd – sie stellen die Frage, wie wir alle in bestimmten Situationen handeln sollen (was das „richtige“ Handeln/die „richtige“ Entscheidung ist). Insofern ist es natürlich nicht Aufgabe des Rechtsstaats bzw. des Gerichts, „in Stein gemeißelte“ Handlungsanweisungen für solcherart komplexe Situaionen herauszugeben. Es ist aber durchaus seine Aufgabe, zu prüfen, ob die Beweggründe, die zu einer bestimmten Tat geführt haben, in Kohärenz mit den Normen und Werten stehen, die unsere Gesellschaft als solche für maßgeblich bewertet.Insofern geht es auch im Recht immer um Moral und auch im Spezifischen um Verallgemeinerbares.

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